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Jiddisch


Quelle: Wikipedia

Jiddisch (aus ostjidd. jidisch <ייִדיש> für "jüdisch"; im 19. Jahrhundert als yiddish ins Englische entlehnt und daraus Anfang des 20. Jahrhundert als jiddisch ins Deutsche zurück übernommen) ist eine westgermanische Sprache mit hebräischen und slawischen Elementen, die üblicherweise in hebräischen Schriftzeichen geschrieben wird. Jiddisch ging zur Zeit des Hochmittelalters aus dem Mittelhochdeutschen hervor und ist allgemein auch heute noch der deutschen Sprache und deren Mundarten sehr nahe. Es wird von etwa drei Millionen Menschen, größtenteils Juden, auf der ganzen Welt gesprochen. Vor dem Holocaust gab es etwa 12 Millionen Sprecher, die meisten davon in Ostmittel- und Osteuropa. Heutzutage sprechen neben älteren Menschen aller jüdischen Glaubensrichtungen vor allem chassidische Juden jiddisch als Umgangssprache.

Der Erforschung der jiddischen Sprache, Literatur und Kultur widmet sich die Jiddistik, die auch in Deutschland und Österreich an mehreren Universitäten vertreten ist.

Geschichte

In der mittelhochdeutschen Periode entwickelten sich im deutschen Sprachgebiet spezifisch jüdische Ausprägungen des Deutschen, die von Juden untereinander gesprochen und in der Regel mit einem dafür angepassten hebräischen Alphabet geschrieben wurden. Charakteristisch sind eine Vielzahl von Entlehnungen aus dem meist nachbiblischen Hebräischen und dem Aramäischen sowie in geringem Maße auch einige Entlehnungen aus dem Romanischen (Französisch, Italienisch und Spanisch), während syntaktische Einflüsse des Hebräischen fraglich sind.

Bedingt durch die Judenverfolgungen im 13. Jahrhundert und besonders nach der großen Pest von 1348 kam es zur massenhaften Migration von Juden aus dem deutschen Sprachgebiet nach Osteuropa, besonders nach Polen und Litauen, und in der Folge zu einer sprachlich getrennten Entwicklung: Das Jiddische im Westen entwickelte sich im Kontakt mit dem Deutschen weiter und glich sich ihm besonders im Zuge der Säkularisierung und Assimilation deutscher Juden seit dem 18. Jahrhundert weitgehend an, während das Jiddische im Osten den mittelalterlichen Stand des jüdischen Deutschen stärker bewahrte und sich hauptsächlich im Kontakt mit slawischen Sprachen durch Entlehnungen und durch Übernahme morphologischer und syntaktischer Elemente aus dem Slawischen weiterentwickelte. Man unterteilt das Jiddische deshalb in Westjiddisch und Ostjiddisch, wobei aber in der Forschung unterschiedliche Einschätzungen bestehen, ob auch das Westjiddische als eine gegenüber dem Deutschen eigenständige Sprache oder eher als eine Variante des Deutschen zu betrachten ist.

Mit der Massenauswanderung in die USA im 19. Jahrhundert expandierte das Jiddische verstärkt in den englischen Sprachraum und wurde dementsprechend zunehmend durch Englisch als Kontaktsprache beeinflusst. Heute gibt es in einigen traditionellen jüdischen Gemeinden (zum Beispiel in New York, Montreal, London und Antwerpen) größere Sprechergruppen, die jiddisch als hauptsächliche Alltagssprache verwenden und an die nächste Generation weitergeben. Zudem wird jiddisch auch von ultraorthodoxen Juden in Jerusalem, hauptsächlich im Stadtteil Me'a Sche'arim, noch als Alltagssprache gesprochen.

Das 19. Jahrhundert wird oft als goldenes Zeitalter der jiddischen Literatur gewertet. Diese Periode trifft mit der Wiederbelebung des Hebräischen als gesprochene Sprache zusammen und der Wiedergeburt der hebräischen Literatur. Größtenteils durch jüdische Kulturschaffende haben jiddische Wörter Eingang in den Wortschatz des US-amerikanischen Englisch gefunden.

In den 1920ern und 1930ern war Jiddisch einige Jahre lang neben dem Russischen, Weißrussischen und Polnischen Staatssprache im sowjetischen Weißrussland. Einerseits betrieb die Sowjetunion zu Stalins Zeiten eine aktiv judenfeindliche Politik und verfolgte die jüdische Religion, das Bibelstudium, die zionistische Bewegung und die hebräische Sprache. Andererseits wurden jiddische Sprache und Literatur zumindest bis zum Zweiten Weltkrieg offiziell gefördert. Zwischen 1918 und 1923 wurden unter der Führung des Kriegsveteranen Simon Dimantstein innerhalb der KPdSU jüdische Sektionen ("Jewsekzija") errichtet. Ihre Aufgabe war der Aufbau einer "jüdischen proletarischen Kultur", die nach den Worten von Stalin "national in der Form und sozialistisch im Inhalt" sein sollte. Es gab drei bedeutende jiddische Zeitungen: Emes ("Wahrheit", 1920-39 in Moskau), Shtern (1925-41 in der Ukraine) und Oktjabr ("Oktober", 1925-1941 in Weißrussland). Auch der Aufbau eines jiddischen Schulsystems wurde gefördert. 1932 besuchten 160.000 jüdische Kinder in der Sowjetunion eine jiddischsprachige Schule. Doch wegen des Mangels an höheren Ausbildungsmöglichkeiten in jiddisch und des allgemein tiefen Ausbildungsniveaus wurden in den folgenden Jahren im ganzen Land diese Schulen geschlossen, meistens mit ihrem Einverständnis. Siehe dazu Geschichte der Juden in der Sowjetunion.

1925 wurde in Berlin und im damals polnischen Vilnius das Yidisher visnshaftlekher institut (YIVO) als akademische Einrichtung zum Studium jiddischer und ostjüdischer Kultur gegründet. Seit 1940 ist der Hauptsitz in New York City; 1941 plünderten die Nazis den Vilniuser Sitz.

1928 wurde das Jüdische Autonome Gebiet in der Sowjetunion gegründet. Hier sollte jiddisch als Amtssprache eingeführt werden, jedoch erreichte die jiddischsprachige Bevölkerung nie die Mehrheit. Seit dem Zerfall der Sowjetunion sind die meisten Juden des jüdischen autonomen Gebietes nach Israel, Deutschland und in die USA ausgewandert. Jiddisch wird nur noch von einem Bruchteil der Einwohner gesprochen.

Bis heute ist trotz der starken verändernden Einflüsse, die das Jiddische geformt haben, die phonetische Verwandtschaft zum Deutschen unüberhörbar. Deutschsprechende sind häufig sehr überrascht, wie gut sie dem Jiddischen folgen können. Jiddisch ist für Hochdeutschsprecher wesentlich besser zu verstehen als Niederländisch.

Die Sprachbezeichnung jiddisch

Jiddisch ist ein verhältnismäßig neues Kunstwort und hat im Deutschen seit den 1920er Jahren die älteren Bezeichnungen "Judendeutsch", "Jüdisch-Deutsch" und "Jargon" (für Ostjiddisch) verdrängt, die in der älteren Literatur oft abwertend für die deutsch basierten Sprachen der Juden in Mittel- und Osteuropa gebraucht wurden. Das deutsche Wort jiddisch ist eine Entlehnung aus Englisch Yiddish, das seinerseits auf das von ostjüdischen Emigranten nach England mitgebrachte jiddische Wort jidisch zurückgeht. Jidisch (oder idisch) bedeutet im Jiddischen sowohl "jüdisch" (dem jüdischen Volk und seiner Religion zugehörig) als auch "jiddisch" (dessen deutsch basierter Sprache zugehörig). Im Englischen ist das Wort Yiddish seit 1886 belegt, so zuerst in dem Roman Children of Gibeon von Walter Besant mit der Erklärung, dass es sich um eine aus polnisch, deutsch und hebräisch gemischte Sprache handele, bald darauf dann aber auch durch gelegentliche Verwendung in sprachwissenschaftlichen Publikationen wie Alexander Harkavys Dictionary of the Yiddish Language (New York 1898) und Leo Wieners History of Yiddish Literature in the Nineteenth Century (London & New York 1899), wobei auch in solchen Fachpublikationen allerdings bis ins 20. Jahrhundert ältere Bezeichnungen wie Judaeo-German zunächst noch vorherrschend blieben.

Bei der Anglisierung des jiddischen Wortes jidisch war der Konsonant "d" verdoppelt und damit die Anfangsilbe ji- verkürzt worden, um den Monophthong -i- zu erhalten und der sonst im Englischen naheliegenden Aussprache -ei- vorzubeugen. Mit kurzer erster Silbe und Doppelkonsonant wurde das Wort dann aus dem Englischen in der Form "jiddisch" auch ins Deutsche übernommen, wo es zuerst in Gustav Karpeles' Geschichte der jüdischen Literatur (Berlin 1909, dort neben "jüdisch-deutsch") und dann in Solomon Birnbaums Aufsatz Jiddische Dichtung (1913) erscheint. Dabei stand der Anglizismus jiddisch in Konkurrenz nicht nur zu den älteren Bezeichnungen, sondern auch zu der zuweilen aus dem Ostjiddischen direkt ins Hochdeutsche übernommenen Bezeichnung jidisch, wie sie z. B. im Untertitel "Übertragungen jidischer Volksdichtung" zu der Sammlung Ostjüdische Liebeslieder (Berlin 1920) von Ludwig Strauß erscheint.

Es ist maßgeblich der Initiative Birnbaums und dem Einfluss seiner Praktischen Grammatik der Jiddischen Sprache (1918) sowie seiner zahlreichen Fachpublikationen und Lexikonartikel zuzuschreiben, dass sich jiddisch (und auch im Englischen Yiddish) in der Folgezeit als fachsprachlicher Terminus etablierte, als Bezeichnung zunächst vorwiegend für das neuostjiddische, und dann umfassend für sämtliche Sprachperioden (urjiddisch, altjiddisch, mitteljiddisch, neujiddisch) unter Einbeziehung auch des westlichen jüdischen Deutschen, wobei für das letztere strittig geblieben ist, ob es als gegenüber dem Deutschen eigenständige Untergliederung des Jiddischen (Westjiddisch) oder als Variante des Deutschen zu betrachten ist.

Lehnwörter

Im Deutschen gibt es nach Althaus (2003, 2. Auflage 2006, Angabe auf dem Buchumschlag der 1. Auflage) etwa 1100 Jiddismen (aus dem Jiddischen stammende Lehnwörter), wie beispielsweise Schlamassel, Massel, meschugge, Mischpoke, Schickse, Schmonzes, Schmonzette, Tacheles, Stuss, Tinnef, Schtetl, Kassiber, Schmiere, Schmock, Haberer (ostösterr. "Kumpel, Freund"), Ganove, petzen, Reibach, Kaff oder Fremdwörter wie Chuzpe und lejnen (Lesen mit Melodie: Singsang); im aktiven Wortschatz lassen sich heute jedoch nur etwa 50 Wörter belegen. Eine Untersuchung von Wörterbüchern des Duden-Verlags für das breite Publikum und von etymologischen Wörterbüchern erbrachte 124 darin verzeichnete Jiddismen (Best 2006). Viele dieser Wörter sind letztlich hebräischen Ursprungs.

Schrift

Zur Schreibung des Jiddischen wird hauptsächlich das – dafür angepasste – hebräische Alphabet benutzt. Viele Lehnwörter kommen aus dem Hebräischen. Es gibt außerdem auch eine weitere auf dem lateinischen Alphabet basierende, von dem YIVO (Yiddisher Vissenshaftlekher Institut) in New York genehmigte Orthographie. Sie basiert auf der englischen Schreibweise und bedient sich keiner Umlaute und sonstiger Akzentzeichen. Sie wird als Standardschreibweise im Internet genutzt und überall dort, wo es Schwierigkeiten bereiten würde, mit hebräischen Lettern zu schreiben.

Grammatik

Mit Ausnahme der Substantive ist die jiddische Grammatik der deutschen Grammatik entlehnt. Insbesondere die sehr umfangreiche Flexion der deutschen Sprache mit diversen Modi-Verbi und diversen Tempora-Verbi wurde 1:1 übernommen (nur mit anderen Stammformen). Die Paradigmentafel umfasst somit Hunderte von Stammformen für ein Verbum und ist somit wesentlich umfangreicher als die hebräische Paradigmentafel. Dies darzustellen würde den Umfang der Wikipedia sprengen.

Im Folgenden seien nur die Numeralia (aus didaktischen Gründen zuerst), dann die Adjektiva und schließlich die Substantiva dargestellt:

Numeralia

Hier seien zunächst die Zahlen lateinisch [nach R. Lötzsch 1992] transkribiert dargestellt:

* 1 ejnß
* 2 zwej
* 3 draj
* 4 fir
* 5 finf
* 6 sekß
* 7 sibn
* 8 acht
* 9 najn
* 10 zen
* 11 elf
* 12 zwelf

ab 13 drajzn läuft es analog zum Deutschen: -zn
Nur 14 ferzn 15 fufzn ; 16 sechzn ; 17 sibzn
Ab 20 zwanzik kommt -unzwanzik
Ab 30 drajßik kommt -zik; aber 40 ferzik 50 fufzik; 70 sibezik
100 hundert ; 1000 tojsnt; 1000000 milion
928.834 najn hundert acht un zwanzik tojsnt acht hundert fir un drajßik

Adjektiva

Die Flexion der Adjektiva ist umfangreicher als im Deutschen und wesentlich umfangreicher als im Hebräischen und weniger umfangreich als im Slawischen:
Es existieren 3 Genera (m, f, n), 4 Kasus (Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ – es existiert kein Ablativ, Vokativ und Instrumental) und die Unterscheidung zwischen dem bestimmten und unbestimmten Artikel. Somit ergeben sich für Singular und Plural jeweils 24 Stammformen.

Substantiva

Einzig die Grammatik der Substantiva folgt nicht der deutschen Grammatik. Hier ist eine etymologische Grammatik vorhanden:
* slawische Wörter werden slawisch (aber ohne Instrumental) flektiert (keine Akkusativ-Form; kein Neutrum; -eß Plural)
* Hebräische Wörter werden hebräisch flektiert (keine Akkusativ- und Dativ-Form; kein Neutrum; f: -ot-Plural geschrieben, aber -eß gesprochen; m: -ijm Plural)
* Deutsche Wörter werden deutschähnlich flektiert (eigene Akkusativ- und Dativ-Form; Neutrum; div. Plural-Formen)

Diminutivum I (Verkleinerung)

Hier wird im Singular -L hebräisch <‏־ל>‎ angehängt; der Plural wird durch die Singularform gebildet, der ein -ech hebräisch <‏־עך‎> angehängt wird: dt: Bett; jidd. bet betl betlech hebräisch <‏בעט בעטל בעטלעך>‎

Diminutivum II (Imminutiv)

Hier wird im Singular -ele hebräisch <‏־עלע>‎ (also wie im Alemannischen) angehängt; der Plural s.o. mit -ech hebräisch <‏־עך>‎ dt. Bett; jidd. bet betele betelech hebräisch <‏בעט בעטעלע בעטעלעך>‎

Adverbia

Das Jiddische verfügt ähnlich wie das Deutsche über eine große Zahl an Adverbia. Wie im Deutschen werden die Adverbia nicht flektiert. Die Adverbia haben fast ausschließlich ihre Wurzeln in der deutschen Sprache.

Konjunktionen

Wie in der deutschen Sprache existieren auch im Jiddischen beiordnende und unterordnende Konjunktionen. Diese werden auch nicht flektiert. Wie im Deutschen haben diese keinen Einfluss auf den Modus des Verbs.
Es gibt im Jiddischen nur eine sehr überschaubare Anzahl an Konjunktionen. Hiervon sind einige slawischen und hebräischen Ursprungs.

nebenordnende Konjunktionen

und un hebräisch <‏אוּן>‎
oder oder hebräisch <‏אָדער>‎
aber ober hebräisch <‏אָבער>‎
denn wajl hebräisch <‏װײַל>‎

unterordnende Konjunktionen

weil machmes (hebr.) hebräisch <‏מחמת>‎
obwohl hagam (hebr.) / chotsch (sl.) hebräisch <‏הגם / חאָטש>‎
dass as hebräisch <‏אַז>‎
ob ojb hebräisch <‏אָויב>‎
damit bekedej (hebr.) hebräisch <‏בכּדי>‎
sowohl...als auch hen....hen (hebr.) hebräisch <‏הן....הן>‎
entweder...oder oder....oder hebräisch <‏אָדער...אָדער>‎

Verba

Auf die genaue Grammatik der Verba kann hier nicht eingegangen werden. Hier sei auf die Grammatik von Chaim Frank verwiesen.
Die Verba haben folgende Formen:
* Aktivum
* Passivum
* Indikativ
* Präsens
* Infinitiv
* Partizip Präsens
* Partizip Perfekt
* Perfekt
* Plusquamperfekt
* Kein Imperfekt (wie auch im Alemannischen)
* Futurum
* Futurum II
* Infinitiv Perfekt
* Imperativ
* Optativ
* Konditional I
* Konditional II