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Heiner Geißler Interview   11.04.2010

Myth: Western wages must hold pace with wages in China

Jörg Schönenborn: Sprechen wir nicht über Symptome? Die Welt hat sich in der Weise verändert, daß Arbeiter, Angestellte in Deutschland um die Arbeit nicht mehr nur konkurrieren zwischen Bayern und Schleswig-Holstein, nicht mehr nur mit den Niederlanden, veilleicht gerade noch mit Polen. Sondern mit Vietnam, mit China, mit Ländern, in denen Arbeit für unsere Verhältnisse fast nichts kostet. Ist das nicht das eigentliche Problem?

Heiner Geißler: Nein. Das wird zwar immer behauptet. China wird angeführt für Lohndumping als Grund. Aber die Leute, die ihren Service leisten beim Flughafen in München, die kriegen keine Konkurrenz aus China. Das sind Komponenten, die in China hergestellt werden. Die werden dort billig hergestellt, und hier bei uns eingebaut und verwendet. Das ist wahr, das ist auch richtig. Aber das ändert ja nichts an der Aufgabe ein qualitativ gutes Produkt herzustellen. Dadurch, daß ich billige Komponenten habe, ist das Problem ja nicht gelöst. Die Komponenten müssen auch gut sein.
Auf jedes Auto, das ich baue müssen die Komponenten in ordnung sein, wenn das Auto insgesamt qualitativ in ordnung sein soll.

Und im übrigen berühren Sie mit der Frage einen Kernpunkt im Leben der westlichen Wirtschaft. Die Chinesen erringen ihre Wettbewerbsvorteile auf dieser Erde dadurch, daß sie
1. in einer gnadenlosen Weise die Menschen ausbeuten. Die Kaffeemaschine, die Sie bei Mediamarkt kaufen, die wird in China hergestellt zu einem Monatslohn von €25. Die in Peking sagen sogar, es müßten eigentlich €50 sein, sie kriegen aber nur €25. Und der Wanderarbeiter aus Sinkiang steht schon vor der Tür und macht die Sache für €24. Das ist noch nicht einmal mehr Lohndumping, sondern eine Lohnsklaverei. Am Anfang dieses Jahrhunderts: Lohnsklaverei, von der wir glaubten sie sei überwunden. Und sie erringen Wettbewebsvorteile
2. durch eine genauso gnadenlose Ausbeutung der Umwelt. 10% des Chinesischen BSPs geht drauf durch die Umweltschäden, die in China ganz bewußt in Kauf genommen werden. Und daß
sie ihre Wettbewerbsvorteile
3. durch Produktpiraterie, durch geistigen Diebstahl erzielen.

Die Frage ist nur, auch im Interesse unserer eigenen Leute, wie lange sich die westlichen Demokratien - die Vereinigten Staaten, Frankreich, wir - uns die gefallen lassen. Wir müssen es uns nicht gefallen lassen. Wir können von den Chinesen völlig zu recht verlangen, ohne daß deswegen irgend einer in China weniger verdient, im Gegenteil, daß sie die Mindeststandards einhalten, die Umwelt-Mindeststandards, und daß die Mindeststandards der ILO dort eingehalten werden. Wo sind wir denn, daß wir das widerstandslos akzeptieren? Die Korrumpierung der westlichen Demokratien [zeigt sich] im Übrigen auch in Menschenrechtsfragen.

Die Olympischen Spiele sind nach Peking gekommen. Aber das ist ja indiskutabel im Grunde genommen. Die Charta des IOC schreibt ganz genau vor, wer teilnemen kann an den Olympischen Spielen. Länder, die die Menschenrechte verletzen, die Frauen diskriminieren, rassistische Diskriminierungen begehen, die dürfen gar nicht akkreditiert werden. Südafrika hat über 10 Jahre an keinen Olympischen Spielen teilnehmen dürfen wegen der Rassendiskriminierung. Wir haben in China ganz andere Diskriminierungen. Wir haben Frauendiskriminierung in 25 Staaten dieser Erde. Wir haben Geschlechtsapartheid, nicht nur Rassen-Apartheid. Aber die gucken alle weg. Sie dürfen alle bei den Olympischen Spielen mitmachen. "Künesis" nannte man das bei den Griechen - das Hunde-kriechen vor dem Königsthron der Perser. Und das ist die Situation die heute die westliche Demokratien im Verhältnis zu China realisieren.



 

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