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Heiner Geißler Interview   11.04.2010

Crises leave behind no learning effect II: no chance for a financial transaction tax

Jörg Schönenborn: Ich nehme ein anderes Beispiel. Sie können für sich in Anspruch nehmen, daß Sie die Bewegungen auf den internationelen Kapitalmärkten immer kritisch gesehen haben. Sie haben sich z.B. schon lange vor der Wirtschaftskriese für die Besteuerung der internationalen Kapitalverkehrs eingesetzt. Dinge, die viele erst nach Ausbruch der Krise fordern. Also, Sie müssen sich nicht vorwerfen, das nicht kritisiert zu haben. Sie beobachten sicher genauso wie ich, daß die Deutsche Bank wieder einen Gewinn von €5 Mrd ausgewiesen hat. Das ist nicht Geld, das Sparer am Schalter erwirtschaftet haben, sondern Geld, daß im Wesentlichen aus dem Bereich des Investmentbankings stammt. Also aus einem Bereich, der in weiten Teilen Verantwortung für die Krise trägt. Dies ist aus meiner Sicht auch ein Beispiel dafür, daß wir vor einem Jahr alle gesagt haben, da müssen sich Dinge ändern, d.h. wir als Beobachter, die Politiker als Macher. Und daß wir jetzt das Gefühl haben, so wahnsinnig viel hat sich eigentlich nicht geändert.

Heiner Geißler: Diese internationale Finanztransaktionssteuer ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie Weltpolitik funktioniert. Diese Steuer wird seit anderthalb Jahrzehnen, seit der Nobelpreisträger Tobin ähnliche Vorschläge aus anderer Motivation gemacht hat vehement abgelehnt. Ich kann mich noch an einer Diskussion bei Phoenix erinnern, bei der alle möglichen hochkarätigen Geisteswissenschaftlern und Journalisten anwesend waren. Dort habe ich diesen Vorschlag wiederholt und dafür Gelächter geerntet. Aber die Sendung ist gerade mal anderthalb Jahre her - und Gelächter. Im Saal haben die Leute gejubelt, weil dort der Versuch gemacht wurde mich lächerlich zu machen. Woran liegt das? Das ist eine hoch-interessante Frage. Es liegt daran, daß wir alle - ich muß mich hier wieder ausnehmen, aber sehr viele die in der Politik und in der Publizistik etwas zu sagen haben mental ständig geprägt sind von dem Gedanken, daß Leute die viel Geld verdienen eigentlich recht haben müssen. [Es ist] die Ehrfurcht vor der Hochfinanz, vor den Leuten, die in Zürich, Frankfurt, New York, London an den Börsen Millionen machen mit Geldgeschäften die nichts produzieren. Mit Geldgeschäften macht man Geld. Die alten Banker Anfang der 50er Jahre hätten das als kriminell bezeichnet. So etwas zu machen ist denen nicht in den Sinn gekommen. Explodiert ist es erst seit Freigabe der der Devisen Anfang der 70er Jahre. Wir denken, wenn einer viel Geld hat, dann muß er besonders gescheit sein. Er ist vielleicht nur gieriger, veranwortungsloser, und unethischer als andere, aber nicht gescheiter. Aber die Politik und die Publizistik denken es sei so.
Als die Landesbanken stärker in das internationale Investmentgeschäft eingestiegen sind, haben Leute, die einst davor gewarnt hatten, sich gar nicht mehr getraut zu widersprechen. Man hätte sie fertig gemacht. [Paragraph umformuliert]
Sie haben sich nicht getraut. Warum? Weil man einem Banker nicht widersprechen darf. Sie sind mental korrumpiert gewesen. Es ist eine mentale Folge des Kapitalismus, unser heutiges Wirtschaftssystem.



 

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